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Herzlich Willkommen zu meiner Welt © Patricia Crossley. Nothing may be copied from these pages without the permission of the author Nachrichten
Meine Bücher kommen bald auf deutsch. Alle drei werden im Moment bei Springtree in Kehl übersetzt. Hier dürfen Sie das erste Kapitel lesen. Die Übersetzerinnen, Judith und Anja, heissen Ihnen auch herzlich willkommen hier
DER PASSENDE VATER
von Patricia Crossley übersetzt von Anja Krebber und Judith Rau www.1stDragontree-LiteraryTranslation.com
Die Schlagzeile sprang Maggie regelrecht an: »Ungeklärter Tod eines Stars, Stunt-Berater im Krankenhaus«; darunter der Untertitel in kleineren Lettern: »Bergführer und Ausstatter für Kletterbedarf wurde von der Polizei befragt«. Die aufdringliche schwarze Druckerfarbe flimmerte schmerzhaft in ihren Augen. Unter der Überschrift war ein Bild abgedruckt, das Johnny Gunn zeigte, die Verkörperung des ewigen Machos, der in vier Actionfilmen die Hauptrolle gespielt hatte, und daneben eine verschwommene Aufnahme ihres verschollenen Schwagers. Kurt. Kurt Rainer. Der Vater ihres Sohnes. Der Verräter. Der wankelmütige Geliebte. Es gab noch viele andere Namen, die sie ihm hätte geben mögen ... Bei dem Bild handelte es sich um eine Portraitaufnahme. Kurt hatte den Kopf leicht zur Seite gelegt und diesen Du-kannst-mich-mal-Ausdruck im Gesicht, der Maggies Sinne gefangen nahm. Die Welt hielt den Atem an. Die eine Hand verkrampfte sich in die zusammengelegte Zeitung; mit der anderen tastete sie nach der hohen Rückenlehne des nächsten Stuhles. »Es war der Name«, sagte Ellen. »Ich dachte, du solltest Bescheid wissen.« Maggie nickte und sank in einen Korbsessel. Die Buchstaben verschwammen. »Ist er ein Verwandter?« Ellens Stimme schien aus weiter Ferne zu kommen. »Steves Halbbruder«, flüsterte sie mit trockenem Mund. »Er war lange Zeit verschollen.« »Ich glaube, ich habe noch nie von ihm gehört.« Ellen war erst vor fünf Jahren nach Branscombe gezogen und hatte Kurt deshalb nie getroffen. Dies war ein Grund, warum Maggie sich in ihrer Gegenwart so wohl fühlte, vor allem, weil die meisten Schulfreunde es sorgsam vermieden, die Familie ihres Mannes zu erwähnen, damit Maggie ja nicht an Steves Tod oder Kurts Verschwinden erinnert würde. Doch so gut es ihre Freunde mit Maggie meinten und so viel Mühe sie sich auch gaben, die Geister der Brüder Rainer schienen bei jedem Treffen anwesend zu sein. »Sieht so aus, als dächten sie, daß er daran beteiligt war«, sagte Ellen. »Kann das sein? Würde er jemanden töten können?« Maggie schüttelte den Kopf. »Kaum vorstellbar. Sicher, er war ein bißchen wild, aber ...« »Hier«, Ellen reichte ihr ein Glas. »Trink das. Du siehst aus, als stündest du unter Schock.« Maggie nippte an der Limonade. Eiswürfel klackerten aneinander. »Willst du mir davon erzählen?« Maggie setzte das Glas sehr vorsichtig ab und schlang die Arme um ihren Oberkörper. Ihr Sohn rief etwas vom Hof herüber, wo sie Touch Football spielten. Wie laut sie waren. Aber wenigstens brachten sie einander nicht zu Fall, sondern begnügten sich mit den Berührungen, die die Regeln dieses sanften Bruders des American Footballs vorschrieben. Im Stillen dankte Maggie Cliff für seine Umsicht. »Kurt ist älter als Steve. Seine Mutter war die erste Frau seines Vaters. Er hatte ...«, sie zögerte, »so einen Ruf. Vor ungefähr zwölf Jahren hat er dann die Stadt verlassen, und niemand hat seitdem was von ihm gehört. Nicht einmal Frieda Haydon, seine Großmutter.« »Wie traurig das für sie sein muß.« Ellen hatte schnell Mitgefühl mit anderen. »Ich sollte zu ihr gehen.« Maggie quälte sich aus dem Sessel. »Kann Jeff für eine Weile bei euch bleiben?« Ellen nickte: »Klar. Ich bin froh, wenn ich helfen kann.« Sie legte ihre Hand auf Maggies Arm. »Geh nur, und tu, was du tun mußt.« Allein im Auto sah Maggie auf ihre Uhr. Es war ein paar Minuten nach halb acht, und sie hatte nach diesem langen, heißen Tag nicht einmal geduscht. Die untergehende Sonne färbte den Himmel blutrot und sandte gleichzeitig farbenprächtige Tentakel zum Horizont - goldfarben, orange, rosa. Nur eine kleine schwarze Wolke lungerte herum und gab vor, die Hitzewelle beenden zu können, während ein Flugzeug, unterwegs nach Süden, vielleicht nach Kalifornien, einen Kondensstreifen auf das letzte Tagesblau zeichnete. Als sie auf die Straße zur Seniorenresidenz Glenhaven einbog, flammte ihr das goldene Licht direkt in die Augen. Sie klappte die Sichtblende herunter und bremste vor der Kurve, die auf das Klinikgelände führte. Vorsichtig lavierte sie durch die Gänge, um den Motor nicht abzuwürgen. Die alte Kiste würde mit Sicherheit bald ihr Leben aushauchen. Eine kühle Abendbrise drang durch das Seitenfenster und strich ihr erfrischend über Gesicht und Arme. Sie wischte sich das feuchte Haar aus der Stirn und blies eine hartnäckige Strähne von ihrer Wange. Vor dem Haus bewässerten die Sprinkler mit fein zerstäubtem Strahl die Blumenrabatten und Hecken, die die Auffahrt einfaßten. Maggie stellte ihr Auto auf dem Parkplatz der Verwaltungschefin ab, ihrem Parkplatz, und registrierte gleichzeitig, daß der Wagen von Dr. Roger Saint George noch auf dem Direktorenparkplatz stand. Er arbeitete wohl ein paar Akten auf, weil er sich für morgen einen Tag freigenommen hatte, um sie und Jeff zum Ferienlager zu fahren. Es war ihr plötzlich unangenehm, seinen Wagen zu sehen, jetzt, da sie derartig in der Erinnerung an ihre alte Liebe verfangen war. Roger machte keinen Hehl daraus, daß er beabsichtigte ihre Beziehung einen Schritt weiterzubringen, solange sie Urlaub hatte und Jeff noch dazu nicht da war. Sie aber brauchte erst einmal Zeit, um sich über ihre Gefühle klar zu werden, Zeit, um zu sich selbst zu finden, nach diesem Schock, den ihr Kurts Bild versetzt hatte. Dabei wußte niemand, daß Kurt Jeffs Vater war; und es war bestimmt nicht der Zeitpunkt, dies zu ändern, weil sie ihr Leben weiter in ruhigen Bahnen verlaufen lassen wollte. Gerade jetzt. Hatte sie nach dem Tod ihres Mannes entschieden, allein zu leben, bedeutete ihr Roger inzwischen immer mehr und würde wahrscheinlich noch viel wichtiger für sie werden. Dennoch hoffte sie, ihm nicht zu begegnen, bevor sich ihr innerer Aufruhr gelegt hatte. Im Gebäude war die Luft kühl und roch ein wenig nach Zitronenpolitur. Maggie knipste eine verwelkte Blüte aus dem Margeritenstrauß auf dem Kaffeetisch und warf sie in den Abfalleimer. Das Bukett mußte morgen ausgetauscht werden. Sie würde eine entsprechende Notiz hinterlassen. Aus dem Aufenthaltsraum drang das leise Summen eines Fernsehers. Niemand war am Empfang, obwohl der Arbeitsplan über der Theke Dianna als diensthabende Schwester auswies. Maggie war mit dem Mädchen nie wirklich warm geworden, aber sie wußte, daß es keinen Grund gab, sich Sorgen zu machen, denn Dianna schien zumindest sehr zuverlässig. Maggie hetzte durch den verlassenen Speisesaal und warf einen Blick aus dem Fenster. Es war ein schönes Grundstück, auf dem die Residenz erbaut worden war, eines der besten. Es lag in der Nähe der Hafeneinfahrt, und seine weitläufigen Rasenflächen zogen sich bis zum Wasser hinunter. Wie Blüten sprenkelten Gartentische und -stühle das Gras. Die dazu gehörenden bunten Sonnenschirme waren längst für die Nacht zusammengefaltet worden, dennoch saß jemand in der Gartenlaube am Ufer. Maggie konnte den Schattenriß von Kopf und Schulter vor dem Hintergrund des glänzenden Wassers genau erkennen. Die Laube war Friedas Lieblingsplatz. Aber so spät würde sie doch nicht mehr draußen sitzen, oder? Stirnrunzelnd stieß Maggie die Verandatür auf. Wieder legte sich eine Decke schwüler Sommerluft über sie und vertrieb die willkommene Kühle der klimatisierten Luft. Es würde wenig Zweck haben, Frieda zu rufen, denn so gut hörte die alte Dame nicht mehr. Die Laube lag im Schatten. In der hereinbrechenden Dunkelheit raschelte ein leichter Wind durch die Ranken am Spalier. Mit langen Schritten überquerte Maggie den Rasen, während sich ihr Herzschlag beschleunigte. Ja, es war Frieda, und sie saß sehr still. Endlich erreichte sie die Laube und kniete neben der alten Frau nieder. »Frieda?«, sagte sie sanft. »Frieda. Ich bin's. Maggie!« Die alte Dame hatte die Augen geschlossen; ihre Hände hielten krampfhaft eine Zeitung fest. Einmal Journalistin, immer Journalistin: Frieda las jedes erreichbare Blatt. Also wußte sie schon von Kurt. Zögernd legte Maggie ihre Hand auf den dünnen Arm. »Nein, Frieda, bitte. Nicht so.« War es zu viel für sie gewesen? Frieda war die letzte Verbindung zu Maggies glücklicherer Vergangenheit. Wenn sie starb, starben Kindheit und Jugend mit ihr. Tränen verengten ihr die Kehle, als sie die fleckige Hand streichelte. Sie brauchte einfach mehr Zeit. Dann atmete Frieda tief ein und öffnete endlich die Augen. Maggie fuhr zusammen. »Oh, Frieda«, sagte sie. »Du hast mir Angst eingejagt.« »Warum? Hast du etwa gedacht, ich sei tot? Noch bin ich nicht so weit. Wie spät ist es?« Frieda richtete sich auf und zitterte. »Dir ist kalt. Komm ins Haus. Hast du etwas zu Abend gegessen?« »Nein, ich habe nichts gegessen, und es geht mir gut hier. Mach nicht so einen Lärm um Nichts, Mädchen. Ich weiß, was ich tue.« »Natürlich weißt du das.« Maggie erhob sich aus der Hocke und setzte sich neben ihre alte Freundin auf die Holzbank. Sie griff nach Friedas Hand, die noch immer die Zeitung festhielt. Das Blatt war so gefaltet, daß Kurts Foto zu sehen war, zusammen mit einer Bildunterschrift. Maggie versuchte, die Fassung zu bewahren, als die Beklommenheit wieder aufwallte, die sie schon vorhin bei Kurts Anblick überschwemmt hatte. Hier am Wasser war es sehr ruhig. Die Bäume hoben sich als dunkle Schatten vom violetten Himmel ab. Das Rot, Orange und Grün von Friedas dünnem Schal leuchtete vor dem verwitterten Holz der Hütte auf. Eine Möwe schrie heiser. Ein weiterer Vogel kreiste so tief über den verlassenen Rasen, daß man seine Flügel schlagen hören konnte, während sich der Duft der blühenden Büsche allzu süßlich in ihrer Kehle festsetzte. Sie schloß die Augen und atmete tief, zitternd ein, bevor sie flüsterte: »Du weißt es?« »Es ist Kurt«, stellte Frieda überflüssigerweise fest. »Er hat Ärger. Er ist im Krankenhaus. Verwundet. Ich möchte, daß du zu ihm fährst.« Es ist Kurt. Es ist Kurt. Seit sie sein Foto das erste Mal in der Zeitung gesehen hatte, echote dieser Satz durch ihren Kopf wie der Refrain eines Schlagers, den man nicht mehr los wird; und ihr Herz raste, als hätte sie ihm leibhaftig gegenübergestanden. Sie schluckte und atmete noch einmal tief ein. Sie konnte sich überhaupt nicht vorstellen, was sie fühlen würde, wenn sie Kurt tatsächlich begegnete. Doch bevor sie die richtigen Worte fand, um auf Friedas Bitte zu antworten, tönte vom Rasen eine klare Stimme herüber: »Mrs. Haydon, Mrs. Haydon, sind sie immer noch hier draußen?« Maggie stand auf und rief: »Ja, Dianna. Alles in Ordnung. Wir sind zusammen hier.« Das Mädchen bog um die Ecke der Laube, etwas außer Atem und mit einer Decke im Arm. »Oh, Mrs. Haydon«, sagte sie. »Ich habe mir Sorgen gemacht, als ich Sie nicht in Ihrem Zimmer antraf.« Sie wandte sich an Maggie: »Mrs. Rainer, es tut mir schrecklich leid. Mr. Blacklock hatte einen Schwindelanfall, und ich habe nach ihm gesehen, deshalb habe ich nicht bemerkt, daß Mrs. Haydon nicht in ihrem Zimmer war.« Das Mädchen war rot geworden und wirkte beunruhigt. Maggie nahm an, daß es ihr ausgesprochen peinlich war, von ihrer Vorgesetzten bei einer Nachlässigkeit erwischt zu werden. »Es ist wirklich in Ordnung«, sagte Maggie. »Es ist ja nichts passiert.« Sie nahm die Decke aus Diannas Arm und legte sie Frieda sanft um die Schultern. »Mrs. Haydon hat -- wie es scheint -- uns beiden einen kleinen Schock versetzt. --Komm, Frieda, laß' uns ins Haus gehen.« Frieda stand auf und stützte sich auf ihren Stock. Sie drückte Maggie die Zeitung vor die Brust. »Nimm sie mit nach Hause und lies das!« befahl sie. »Du bringst Jeff morgen ins Sommercamp?« Maggie nickte. »Gut«, sagte Frieda. »Wir werden uns darüber unterhalten, was du Kurt sagen kannst, wenn du zurück bist. Hier entlang, Dianna, Sie können mich ins Haus zurückbegleiten, wenn Sie schon 'mal hier sind.« Maggie rührte sich nicht, und versuchte immer noch die Bitte zu verarbeiten, nachdem die Schritte schon lange verklungen waren. Kurt, der sie so herzlos im Stich gelassen hatte, als sie ihn am meisten brauchte, schlich sich wieder in ihr Leben, ob er nun davon wußte oder nicht. Und dann er war auch noch in kriminelle Machenschaften verstrickt. Gab es etwas Schlimmeres als Mord? Der Mann, den sie so verzweifelt geliebt hatte, hatte sich als dieser Liebe unwürdig erwiesen; ihm zu vertrauen, ihn zu lieben oder auf sein Mitgefühl zu hoffen, das war vergebene Liebesmüh. Sie klemmte die Zeitung unter ihren Arm und kehrte auf dem Weg ins Haus zurück, auf dem sie gekommen war. Sie atmete beinahe wieder normal, aber trotz der schwülen Sommerluft fröstelte sie plötzlich, und ihre Knie waren so weich geworden wie ihre Kehle trocken. Ins Büro. Sie brauchte nur ein paar Minuten Ruhe und ein Glas Wasser. Beides würde sie dort finden. Sie glitt hinter ihren Schreibtisch und fand Trost in der vertrauten Umgebung. Alles war schon für ihren Urlaub geordnet. Ihre Akten sauber auf der einen Seite des Schreibtischs aufgestapelt: die Projektliste und einige Notizen, damit die Geschäfte während ihres Urlaubs reibungslos weitergeführt werden konnten, sowie die Aufgabenliste für ihren ersten Arbeitstag. Die Residenz lief wie von selbst. Sie war gut bei dem, was sie tat. Sie goß etwas Wasser aus der Thermoskanne in ihr Glas und nippte daran, während ihren Gedanken nachhing. Vor zwölf Jahren war Kurt verschwunden. Die Erinnerung an diese Zeit war verschwommen, hinterließ das Gefühl eines immerwährenden Alptraums: der Unfall ihrer Eltern, Kurt verrückt vor Wut auf seinen Vater, wie er sie anflehte, mit ihm wegzulaufen. Als sie ablehnte, hatte er die Stadt verlassen, ohne je zu erfahren, daß Maggie sein Kind trug, oder in den Jahren danach auch nur ein Lebenszeichen von sich zu geben. Er wußte nichts von ihrer verzweifelten Heirat mit seinem Halbbruder Steve, oder von Jeffs Geburt, er wußte auch nichts vom Tod ihrer Eltern oder von dem Flugzeugabsturz vor sechs Jahren, der Steve das Leben gekostet hatte. Und niemand hatte von ihm gehört. Was hatte er in all den Jahren gemacht? Wo war er gewesen? Dachte er noch an sie, oder hatte er alle Brücken zu seinem alten Leben abgebrochen? Wahrscheinlich wußte er nicht einmal vom Testament seines Vaters. Es waren nicht mehr viele übrig aus dieser Zeit. Nur Frieda, seine Großmutter, Maggie, seine verlassene Liebe, und Jeff, der Sohn, von dem er nichts wußte. Jeff. Jeff war das wichtigste in ihrem Leben. Sie liebte ihn rückhaltlos seit dem Augenblick, in dem er in ihre Arme gelegt wurde, ein rotes, plärrendes Bündel. Als Kind war sie geliebt und behütet worden, und sie wünschte sich, Jeff dieselbe Sicherheit bieten zu können wie Eltern, die einander in einer liebevollen Beziehung zugetan sind. Jedes Mal, wenn sie Ellen mit ihrem Ehemann Cliff beobachtete, fühlte sie ein vertrautes Gefühl des Neids. Es war so lange her, daß auch sie Teil einer Familie gewesen war, in der man verrückte Spiele miteinander spielte und wo man einander liebte, gleichgültig, was geschah. Jeff hatte nie erlebt, wie sich dieses Band der Liebe zwischen Vater und Sohn anfühlte, aber das konnte sich ja noch ändern. Roger St. George war ein guter Mann. Er beteuerte, daß er sie liebte, und sie selbst glaubte, auch sie brauche nur noch einen winzigen Schritt, um ihn ebenfalls zu lieben. Das Klopfen an der Tür riß sie aus ihren Erinnerungen. Sie sah auf, als Roger den Kopf durch die Tür steckte. »Hallo du. Zwei Workaholics an einem wunderschönen Sonntagabend, was?«, fragte er grinsend. »Beschämend. Was tust du hier?« Hatte sie vorhin der Anblick seines Autos noch daran erinnert, wie sich ihrer beider Beziehung entwickelte, war sie jetzt voller Erinnerungen an Kurt. In diesem Moment, wo sie die alte Leidenschaft so sehr quälte, verweigerte sich ihr Verstand der Vorstellung einer neuen Liebe. Sie stand auf. »Ich arbeite gar nicht«, sagte sie. »Ich mußte Frieda besuchen. Es war etwas Persönliches.« Sie hoffte, daß er annahm, der Besuch hätte mit dem Haus zu tun, das Frieda schließlich immer noch gehörte. Dieses Arrangement, das Frieda mit der ihr eigenen Voraussicht und Effizienz geplant hatte, hatte sich für alle ausgezahlt. »Ich bin froh, daß du hier bist.« Rogers Augen waren zärtlich. »Willst du mit mir Essen gehen?«, fragte er. »Oder auf einen Drink vielleicht?« Maggie schüttelte den Kopf. »Nein, danke«, antwortete sie. »Ich muß Jeff abholen.« Er war längst hereingekommen und sie ging auf ihn zu, in Richtung Tür. Sie hatte keine Lust, das Gespräch fortzuführen. Sein Gesicht zeigte seine Enttäuschung nur zu deutlich. »Ich wollte dir gratulieren«, sagte er. »Wozu?« »Zu dem Vertrag, den du mit dem Wäschelieferanten ausgehandelt hast. Er wird uns eine Menge Geld einsparen. Außerdem hat Peter Moss, dem der Betrieb gehört, mit mir gesprochen. Sagte, daß seine Leute tief beeindruckt von dir waren: professionell, ehrlich, aber knallhart. Das waren seine Worte.« Er streckte die Hand aus, um ihren Arm zu berühren. »Wir sind ein großartiges Team.« »Danke«, sagte sie. Sie war wie betäubt, unfähig die Zufriedenheit zu empfinden, die das Lob für einen erfolgreich erledigten Job gewöhnlich hinterließ. Sie sollte gehen. Ihre Zunge fuhr über trockene Lippen. Es war abstrus, mit dem Mann zu sprechen, den sie heiraten wollte, wenn sie nur an Kurt denken konnte. »Ist etwas nicht in Ordnung?« Seine Hand lag warm und schwer auf ihrem Arm. Maggie zwang sich, ihn anzulächeln. »Ich bin nur müde.« Sie warf die schwere Handtasche über die Schulter. »Ich habe heute Nachmittag einen langen Spaziergang gemacht. Und einige gute Fotos. Es war furchtbar heiß.« Sie ging auf die Tür zu. »Kann's gar nicht abwarten, die Abzüge zu sehen. Kann ich dich zum Auto bringen?« Sie brachte es nicht übers Herz abzulehnen. Es war ja nicht sein Fehler, daß sie sich schuldig, wütend und ängstlich fühlte, weil die Gespenster der Vergangenheit plötzlich in ihrem Kopf wiedererstanden. Beim Wagen angekommen, nahm Roger sie leicht bei den Armen und küßte sie zart auf die Stirn. »Fahr vorsichtig«, sagte er. »Ich hole dich und Jeff in aller Frühe ab. Bis Morgen.« # Maggie stecke die Zeitung unter ihren Kamerakoffer und fuhr zu Ellen, um Jeff abzuholen. Ihr Herzschlag hatte sich von dem adrenalingesteuerten Rasen, das Kurts Gesicht ausgelöst hatte, wieder auf eine normale Geschwindigkeit eingependelt, aber sie hatte immer noch dieses Gefühl von Übelkeit und Leere in ihrer Magengrube. Konnte er wirklich an einem Mord beteiligt sein? »Ging es Frieda gut?«, frage Ellen, die mit ihrer siebenjährigen Tochter Jennifer auf der sanft schwingenden Hollywoodschaukel saß, die auf der Veranda stand. »Es war natürlich ein Schock, aber sie wußte schon Bescheid. Ich werde morgen noch einmal mit ihr sprechen.« »Ich dachte, du wolltest Jeff im Camp abliefern und dann ein bißchen Zeit mit Roger verbringen.« Ellen hob ihre Augenbrauen und grinste bedeutungsvoll. »Ja, aber es kann sein, daß ich den Plan ändern muß.« Jennifer lag auf der Hollywoodschaukel, als sei sie eine Stoffpuppe; ihre glatten schwarzen Haare hingen in lockeren Strähnen von der Sitzfläche herunter. Als Jeff die Stufen vom Hof heraufkam, erwachte sie plötzlich mit einem Jauchzer zum Leben. Maggie drehte sich um und lächelte ihn an. Er stöhnte, schnitt Jennifer eine Grimasse und ließ seinen Ball über die Holzbohlen springen. »Ich hab' dein Auto gehört, Mom«, sagte er, »schon lange, bevor du hier angekommen bist.« »Immerhin hat es mich hergebracht«, antwortete Maggie und drehte sich wieder zu Ellen um. »Ich muß los«, sagte sie. »Danke, daß du ausgeholfen hast, Ellie, aber es sind noch einige Dinge zu erledigen, bevor Jeff abreist.« Ellen seufzte und grinste dann. »Da sagst du was. Jennifer wird nächste Woche in ihr Camp fahren. Was wir für eine Woche Freiheit so alles auf uns nehmen.« Sie umarmte ihre Tochter. »War nur ein Scherz, Kleines«, sagte sie. »Bei mir sind es drei Wochen. Jeff nimmt an diesem Überlebenstraining teil.« »Ah, was für große Jungs dieses Jahr? Viel Glück, Jeff. Und sei vorsichtig.« Maggie und Jeff gingen über den Rasen zu ihrem Auto, während Jennifer und Ellen ihnen nachsahen. »Weißt du, Mom, Cliff war gar nicht da«, schmollte Jeff. »Er mußte ins Krankenhaus, ...« Cliff Yeung, Ellens Mann, war Kinderarzt und hatte eine gut gehende Praxis. »...deshalb konnten wir gar nichts Tolles mehr spielen.« Maggie vermutete, daß sich »Toll« auf eines jener Spiele bezog, die vornehmlich aus Brüllen und Rennen bestehen. »Ich hätte also doch zu Hause bleiben könne. War ja nur für eine Stunde«, Jeff verfolgte sein Ziel beharrlich. »Ich bin schon fast zwölf, weißt du. Ich brauch' doch keinen Aufpasser mehr. Ganz bestimmt nicht mit einem Mädchen zusammen.« Es juckte Maggie in den Fingern, ihm durch das Haar zu fahren, aber sie konnte sich gerade noch zurückhalten. Vor einem Mädchen hätte das dem Ganzen die Krone aufgesetzt. »Für dich ist Cliff immer noch Dr. Yeung«, sagte sie schließlich. »Und wenn du zu müde warst, hättest du ja nicht mit Jennifer spielen müssen.« Jeff sah sie mit einem halb spöttischen, halb verzweifelten Ausdruck auf dem Gesicht an: »Natürlich mußte ich mit ihr spielen, Mom. Halma. Sonst erzählt sie irgendeinen Mist über mich in der Schule.« Maggie unterdrückte einen Seufzer über Schulhofpolitik und öffnete die Autotür. Jeff kletterte hinein, winkte Ellen zu und streckte Jennifer die Zunge heraus, als sie losfuhren, dann schob er den Koffer zur Seite, um sich anzuschnallen. »He, paß' auf meine Kamera auf!« »Tut mir leid, Mom.« Die Zeitung fiel in den Fußraum. Jeff beugte sich hinunter und hob sie auf. »Wow«, sagte er, »der Typ hier sieht ein bißchen aus wie Dad auf dem Foto zu Hause.« Er zog die Stirn kraus, als er den Text studierte. »Bergführer der Stars«, las er vor. »Kurt Rainer, Naturführer und bekannter Trekkingausstatter ... he, der trägt ja unseren Namen.« »Ach wirklich?« Das Herz schlug ihr wieder bis zum Hals, wo sich ein dicker Kloß festgesetzt hatte. »Wow«, wiederholte Jeff. »Ist ja irre. Glauben die, daß er Johnny Gunn von der Klippe fallen ließ? Hast du die Bilder gesehen?« Wie konnte sie ihn nur dazu bringen aufzuhören? Ihre Hände lagen bleich und zitternd auf dem Lenkrad »He, Mom, paß' auf! Du fährst ja in den Graben.« Maggie nahm sich zusammen. Sie würde sich sicher nicht noch einmal ihr Leben und das ihres Sohnes von Kurt Rainer ruinieren lassen. Er hatte schon genug Schaden angerichtet, weil er all die Jahre verschwunden blieb. Und wenn es nach ihr ginge, dann würde er Jeff niemals näher kommen, als die fünfzig Meilen, die zwischen Branscombe und dem Krankenhaus lagen, in dem er gerade behandelt wurde. »Kennst du den Typ, Mom?« »Ja. Er ist ein Verwandter.« Schon diese kleine Abweichung von der Wahrheit blieb ihr beinahe im Halse stecken. Es war ihr gar nicht so schlimm vorgekommen, Jeff glauben zu lassen, daß Steve sein Vater sei. Und schwer war es auch nicht gewesen, denn schließlich glaubten alle anderen ja ebenfalls daran. So hatte sie niemals erwähnen müssen, wer sein Vater war, auch wenn sie sich immer vage vorgestellt hatte, wie es sein würde, wenn sie Jeff an seinem 18. Geburtstag die Wahrheit eröffnen würde - falls sie denn mußte. Aber bis dahin würden die schlafenden Hunde nicht geweckt werden. Alles in allem war Kurt Rainer einfach nicht der Mann und Vater, auf den ein Junge stolz sein konnte. Glücklicherweise bog Maggie in die Einfahrt des alten schindelverkleideten Holzhauses, bevor Jeff weitere Fragen stellte, die sie nicht beantworten konnte. Der Duft der Blumen hing schwer in der Luft der hereinbrechenden Nacht, als sie eine Mücke von ihrem Arm wischte. »Komm schon«, rief sie, »feindliches Flugzeug gesichtet. Den Letzten beißen die Mücken.« Lachend flüchteten sie auf die geschützte Veranda, und es gelang ihr endlich, Kurt Rainer und seine einstigen Verfehlungen für den Augenblick zu vergessen. # Etwa eine Stunde später lag Jeff im Bett, sein Gepäck für das Camp ein letztes Mal überprüft und um ihn herum aufgestapelt. Maggie zog sich mit einem Glas frischer, eisgekühlter Limonade und der Zeitung auf die Veranda zurück. Zwar hatte sie den Artikel bereits überflogen, doch erst, als sie ihn jetzt in aller Ruhe durchging, fanden sich einige Details, die Jeff nicht vorgelesen hatte: Kurt hatte in der Wildnis für eine Filmgesellschaft gearbeitet, und irgendwer hatte die Seile manipuliert, als der Star des Films eine Actionszene drehen mußte, bei der er von der Klippe hing. Johnny Gunn war hundert Meter in Tiefe gestürzt und hatte diesen Sturz nicht überlebt. Kurt war hinterhergerutscht, vielleicht um ihn zu retten. Er hatte dabei Verletzungen »in noch nicht bekanntem Ausmaß« erlitten. Weitere Informationen gab es nicht, sosehr sie auch suchte. Sie betrachtete noch einmal das Foto. Er hatte sich nicht sehr verändert. Älter war er natürlich geworden, aber immer noch war er schlank und breitschultrig. Die graumelierten Schläfen bildeten einen anziehenden Kontrast zu seinem sonst schwarzen, lockigen Haar, das er mittlerweile kürzer trug. Die Augen blickten so spöttisch wie immer und schienen ihr zu folgen, wenn sie sich bewegte, was an dem Winkel lag, aus dem das Foto geschossen worden war. Der Artikel deutete an, daß es sich um einen mißlungenen Streich gehandelt haben könnte, daß jemand möglicherweise nur versucht hätte, Johnny Angst einzujagen. Er galt unter Kollegen nicht eben als der sympathischste Schauspieler. Auch dies wurde untersucht, aber es schien, als sei Kurt der einzige gewesen, der Zugang zu den Seilen gehabt hatte. Hieß das etwa, daß er den Filmstar vorsätzlich ermordet hatte? Die Zeitung umging diese Behauptung sehr sorgfältig, beschrieb aber die Feindseligkeiten zwischen den beiden in aller Ausführlichkeit. Wo die Wahrheit auch liegen mochte, Kurt unterstützte jedenfalls die Polizei bei ihren Untersuchungen. Maggie leerte ihr Glas. Warum drängte er sich ausgerechnet jetzt in ihr Leben, wo sie und Jeff endlich Ruhe gefunden hatten? Sie liebte ihren Beruf genauso wie ihre Arbeit als Fotografin, die so harmlos als Hobby begonnen hatte, aber inzwischen immer mehr Anerkennung fand. Jeff mochte sogar die Schule. Und er war ganz wild auf das dreiwöchige Überlebenstraining in der Wildnis. Während er fort war, würde sie an ihrem Buch arbeiten, das sie mit eigenen Fotos illustrieren wollte, und dann gab es da noch Roger. Ihre Beziehung tat ihr gut und vielleicht entwickelte sich ja noch etwas Besseres daraus. Sie stand auf und streckte sich, bevor sie ins Haus ging. Als sie das Wohnzimmer schon halb durchquert hatte, zögerte sie plötzlich und ging zum Regal. Sie zog ein Buch heraus. In goldenen Lettern war »Branscombe Highschool-Jahrbuch, Abschlußjahrgang 1982« auf den Rücken gedruckt. Im Schneidersitz auf dem Boden sitzend blätterte sie darin herum, bis sie ihn fand: »Kurt Rainer, der wahrscheinlich viele Herzen brechen wird« hatten sie unter sein Bild gesetzt. Wie wahr. Alle Mädchen wurden schon nervös, wenn er sie nur ansah. Und dann hatte er sie, Maggie, ausgewählt! Sie las weiter. Ziele: »Mein eigenes Ding durchziehen, ohne daß sich jemand einmischt.« Wie gut sie das verstand, schließlich kannte sie seinen Vater. Sie betrachtete das kleine Schwarzweißfoto. Nein, er hatte sich wirklich nicht sehr verändert. Alle hatten immer gewußt, daß es übel mit ihm enden würde, und trotz all der Dinge, die er ihr später angetan hatte, störte es sie ungemein, daß die Leute recht behalten hatten. Ein Seufzer entrang sich ihr. Es hätte alles anders kommen können. Sie legte ihren Finger auf die Lippen und drückte sanft den Kuß auf das Foto, mitten auf seinen Mund, dann schloß sie das Buch, strich den Deckel glatt, stand auf und stellte es zurück. Nein, sie würde ihn auf keinen Fall besuchen. # Am nächsten Tag, kurz vor Mittag, beobachte Maggie, wie Jeff seine Sporttasche über die Freifläche vor den Bungalows schleppte, um sich bei der Gruppe Betreuer vorzustellen. Sie wußte, wie die Tasche aussehen würde, wenn sie ihren Sohn wieder abholte: alle Kleidungsstücke unter der obersten Lage unberührt, ebenso sorgfältig gefaltet, wie sie es jetzt waren, die Namensschildchen makellos, weil er jeden Tag die gleiche Unterwäsche, das gleiche Paar Socken tragen und zwischen zwei oder drei Hemden wechseln würde, bis die Sachen von selber stehen konnten. So ging das jedes Jahr in den Sommercamps, dennoch packte Maggie immer wieder alle Dinge ein, die auf den Empfehlungslisten der Veranstalter aufgeführt wurden. Einer der Betreuer beugte sich zu Jeff herunter, hakte seinen Namen auf einer Liste ab und schickte ihren Sohn zu den anderen Jugendlichen. War er zu jung für diesen anstrengenden Kurs? Während der zweistündigen Fahrt in Rogers Wagen, die sie den Mount Vardon hinauf zum Ferienlager führte, hatte sie Jeffs lebhaften Beschreibungen der geplanten Aktivitäten zuhören müssen, wobei ihr der Mut sank eingedenk der halsbrecherischen Dinge, die er in den nächsten Wochen unternehmen würde. Jeff dagegen blühte regelrecht auf bei all den Herausforderungen und Abenteuern, die ihn erwarteten; er liebte das Leben in der Wildnis. Sie wußte nur zu genau, woher der Junge das hatte. Jeff winkte ihr zu. Seine Baseballkappe saß schon falsch herum auf dem Kopf und seine Augen glänzten vor Erwartung. Ihr Herz ließ einen Schlag aus: Plötzlich sah sie Kurt, so um die Zwanzig, wie er am Ende der Straße auf sie wartete, weil sie ihn gebeten hatte, nicht zu klingeln. Wann war Jeff seinem Vater dermaßen ähnlich geworden? Wann hatten sich die kindlichen Züge so geschärft, daß man Kurts hohe Wangenknochen und sein kantiges Kinn erkennen konnte? Wann hatten seine Augen diesen wagemutigen Blick bekommen, und seit wann fiel ihm diese schwarze Locke in die Stirn? Es gelang ihr nur mühsam, in die Gegenwart zurückzukehren, zu den schreienden Jungen, den Betreuern mit ihren Trillerpfeifen, dem Geschwätz der Eltern. Jeff lehnte sich gerade vor, um mit einem Jungen in seiner Reihe zu sprechen. Seine vorher so männlichen Züge glätteten sich und gewannen ihre kindlichen Rundungen zurück. Es war nur ein Schattenspiel gewesen, weiter nichts. Dann rumpelte der Reisebus des Camps auf den Parkplatz und nahm ihr die Sicht auf die Begrüßungszeremonie. Maggie schluckte schwer und atmete tief durch. Kurts Gegenwart war nicht mehr nur auf die Andeutungen in Jeffs Gesicht beschränkt, auch nicht auf ihre Erinnerung, jetzt war er in den Nachrichten, ja, er befand sich sogar ganz in der Nähe. Und dennoch umgab ihn das gleiche Schweigen, das ihn vor zwölf Jahren verschluckt hatte. Selbst jetzt wandte er sich nicht an die Menschen, die ihn einst geliebt hatten - auch wenn er in Schwierigkeiten war. Und nun wollte Frieda, daß sie ihn besuchte. Das ging nicht. Das ging ganz sicher nicht; ihr so sorgfältig geordnetes Leben würde ihr um die Ohren fliegen, sobald sie ihn sah. »Ich geb dir einen Groschen für deine Gedanken«, sagte Roger hinter ihr, und legte ihr liebevoll die Hände auf die Schultern. Sie blinzelte, weil Roger ihr so nahe sein und sie trotzdem beinahe vergessen konnte, daß er sie begleitete, sosehr nahm sie die Erinnerung an Kurt sie gefangen. Sie drehte Roger den Kopf zu und betrachte sein attraktives Profil. Seine Hände waren kräftig, die Nägel sorgfältig manikürt. Er praktizierte schon lange nicht mehr; und die Jahre in der Verwaltung hatten ihm einen letzten, diplomatischen Schliff gegeben, der ihn von den meisten Ärzten unterschied. Inzwischen hatte sie sogar den Verdacht, daß er sich medizinisch nicht mehr auf dem laufenden hielt. Sie fühlte, wie der Druck seiner Finger fester wurde. »Du schienst ein wenig abwesend, eben im Auto«. Also hatte er es bemerkt. »Und jetzt bist du immer noch ganz weit weg«, fuhr er fort, »Was ist denn los? Du machst dir doch keine Sorgen, oder?« Sie schob es auf die Bedenken, die sie schon früher mit ihm besprochen hatte: daß Jeff der Jüngste sei, daß die Wanderungen um so vieles länger seien, daß sie sogar bergsteigen würden und natürlich auf die Kanufahrten. »Ich bin bloß eine überängstliche Mutter«, sagte sie lächelnd. »Dieses Jahr ist das Camp härter als sonst.« »Er wird sich großartig machen«, sagte Roger, »nur keine Sorge.« Sie machte einen kleinen Schritt vorwärts, und drehte sich fort, hob die Kamera vor ihr Auge und drehte an der Blende, um die aufgeregten Jungen vor dem Blockhaus zu fotografieren, das als Speisesaal diente. Wie gern hatte sie Rogers Angebot angenommen, sie und Jeff mit seinem schicken neuen Land Cruiser hier herauf zu fahren, weil ihre alte Karre das niemals geschafft hätte. Außerdem war sie nicht gerade eine Rallyefahrerin. Sie hatte einen Hang dazu, sich in ihren Gedanken zu verlieren, wenn sie fuhr - meistens ging es dabei um das Layout ihres Buches - und gerade das ging natürlich auf Kosten der Konzentration. Jeff hätte auch den Bus nehmen können, aber mit Roger zu fahren, hatte ihr die Möglichkeit gegeben, etwas länger mit ihrem Sohn zusammen zu sein, bevor sie ihn drei Wochen nicht sah. So lange waren sie noch nie getrennt gewesen, nicht einmal als sie ihre Betriebswirtschaftskurse besucht hatte, denn Sommercamps für die Kleinen dauerten selten länger als zehn Tage. Außerdem hatte sich Roger geradezu aufgedrängt, sie zu fahren, und damals schien es auch eine gute Idee zu sein. Zumal er angedeutet hatte, in einem Landgasthaus übernachten zu wollen, von dem er sicher sei, daß es ihr gefiele. Aber manche Dinge sollten einfach nicht sein: Heute würde sie nicht geruhsam mit Roger turteln können. Sie sah auf ihre Uhr. »Ich sollte um sechzehn Uhr zurück sein«, sagte sie und wich seinem Blick aus. »Um vier?« Sie spürte, wie er die Muskeln anspannte und drehte sich zu ihm um. »Es tut mir wirklich leid, Roger. Ich muß mich mit Frieda Haydon treffen. Ich habe doch gesagt, daß es da ein Problem ...« »Dann sollten wir jetzt fahren, damit wir noch ein bißchen Zeit für uns haben«, er sah seinerseits auf die Uhr, »es ist nämlich schon zwölf.« Er stapfte vor ihr her zum Auto. Seine Verärgerung war deutlich an der Art zu erkennen, wie er seine Schultern hielt, auch an der ungeduldigen Bewegung, mit dem er Schlüssel in das Türschloß stieß. Sie wußte, daß jahrelange Verhandlungserfahrung ihm beigebracht hatte, nicht aufzubrausen. Kurt dagegen hätte ihr ohne Umschweife gesagt, was er von ihrem Benehmen hielte, nur um sie dann so lange herumzufahren, bis sie ihr Versprechen einlöste, und wenn er sie dafür hätte entführen müssen. Sie seufzte und erklärte sich selbst, wie glücklich sie war, jetzt nicht mit Kurt zusammen zu sein, sondern die wenigen kostbaren Stunden gemeinsam mit Roger in den Bergen verbringen zu können, so, wie sie es wollten. Sie blieb stehen, um die Kamera in ihre Umhängetasche zu stecken. Noch vor einer Woche hatte sie geglaubt, daß dies der Tag sein könnte, an dem sie Roger für all seine Freundlichkeit, seine Liebe und Hilfe würde danken können, der Tag, an dem ihre Beziehung den entscheidenden Schritt vorwärtskam. Aber das war vor einer Woche gewesen. Wenn sie jetzt daran dachte, war da Kurt Rainer, der sich nach zwölf langen Jahren wieder in ihrem Leben breitmachte, und dieses schale Gefühl in der Magengegend. Warum fühlte sich allein schon der Gedanke, mit Roger zu schlafen, so an, als betrüge sie Kurt? Warum sollte Kurt überhaupt je wieder etwas mit ihrem Leben zu tun haben, mit ihren Plänen und vor allem mit der Entscheidung, welcher Mann ihre Zukunft teilen würde? Sie mußte zuerst diese verschlungenen Gefühle entwirren. Es wäre schlicht unfair Roger gegenüber, wenn sie so tat, als würde sie schließlich seinen Antrag doch noch annehmen, wenn sie das niemals tun konnte. Also mußte sie einen Weg finden, ihre Antwort zu verschieben, Frieda davon in Kenntnis zu setzen, daß sie ihr nicht helfen konnte, Kontakt zu ihrem Enkel aufzunehmen, und dann Kurt Rainers Geist endlich zur Ruhe betten. Erst danach würde sie sich wieder ihrer Beziehung zuwenden können, um Mißverständnisse auszuräumen und Verletzungen zu heilen. Sie winkte Jeff ein letztes Mal zu. Roger ließ sich auf den Ledersitz gleiten. Er war ein guter Mann. Er mochte Jeff. Er würde ihm ein guter Vater sein, und der Junge brauchte einen starken männlichen Einfluß in seinem Leben. Was machte es da, daß sie nicht diese sehnsüchtigen Schauer, dieses Bedürfnis zu berühren und zu halten fühlte, die sie bei Kurt gefühlt hatte? Schließlich war sie älter geworden, kontrollierter. Gefühle wandelten sich, wenn man nicht mehr zwanzig, sondern dreiunddreißig war. Roger konnte ihr Sicherheit bieten, eine liebevolle Familie. Sie fühlte sich wohl bei ihm -- und eines Tages würde sie lernen, ihn zu lieben.
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